"Der Junge muss mal wieder an die frische Luft..."

(von Teresa Brohl)

Ich muss gestehen:

Mit keinem Fest im Kirchenjahr tue ich mich so schwer wie mit Fronleichnam.

 

Nicht damit, wie ich es seit Jahrzehnten in meiner Heimatgemeinde erlebe. Auch nicht mit der Idee, sich mit etwas Abstand zu Gründonnerstag nochmal in anderer Stimmung Zeit für die eucharistische Anbetung zu nehmen.

 

Aber im Studium habe ich erfahren: So wirklich in Fahrt kamen die Fronleichnamsprozessionen im Zuge der Gegenreformation und im Kulturkampf, also in den Zeiten, wo es zwischen der katholischen Kirche und den Kirchen der Reformation echt Zoff gab - bis hin zu lebenszerstörenden Kriegen. In diesen Zeiten wurden die Prozessionen kirchenpolitisch gepuscht bis instrumentalisiert. Da sollten den "Gegner*innen" mal so richtig deutlich die Glaubensunterschiede demonstriert werden. In diesem Falle die Transsubstantiationslehre = in kurz: Christus ist real und bleibend in der gewandelten Hostie präsent, deswegen kann man ihn im Tabernakel „aufbewahren“ und ab und zu auch mal ins Freie „mitnehmen“.

 

Also:

Hat Fronleichnamsprozession nicht was von einer populistischen Demo auf mittelalterlich-katholisch?

 

 

Und nach der anfänglichen "Entgeisterung", Pfingsten zu erfahren, dass mein erster Blog-Beitrag ausgerechnet Anregungen zu Fronleichnamsstationen enthalten sollte, bin ich genau bei diesem Gedanken hängengeblieben: Wir laufen mit 'ner Monstranz durch die Gegend; wie sollte das also keine Demonstration sein?

 

Und da war er, der Ohrwurm:

 

"Geh‘ mal wieder auf die Straße! Geh' mal wieder demonstrier‘n!"

 

Das Demonstrieren sollte mensch ja eben nicht nur Populist*innen überlassen.

 

 

Seit dem letzten Fronleichnamsfest haben viele (nicht nur, aber auch christliche) Menschen in Deutschland demonstriert.

 

  • In unserer Kirche: z.B. die Initiative “Maria 2.0“. Für welche Kirche diese Initiative demonstriert und betet, erfahrt ihr in ihrem Impuls “Kirche Morgen“.
  • In unserer Gesellschaft: z.B. der KjG-Diözesanverband Rottenburg-Stuttgart, der unter dem Motto „KjGoes CSD – Gott sei Dank, die Welt ist bunt!“ Zeichen setzt. Dafür wurde die KjG 2018 sogar als beste Demo-Formation ausgezeichnet, da die Veranstalter*innen die Botschaft „Gott liebt dich unabhängig von deiner sexuellen Orientierung“ wohl von Katholik*innen immer noch für etwas Außergewöhnliches halten.
  • Für unsere Schöpfung: z.B. bei den „Fridays for future“, wo junge Menschen auf die Straße gehen, damit wir endlich ernst mit unserer Schöpfungsverantwortung machen. Und uns endlich dafür ins Zeug legen, dass der Impuls „Die letzten sieben Tage der Schöpfung“ (der aus einer Zeit stammt, wo die Erde erst halb so viele Menschen wie heute zu ertragen hatte) tatsächlich nur ein Impuls bleibt.
  • Ganz konkret im Einsatz für die Mitmenschen vor Ort: z.B. bei der 72-Stunden-Aktion, der größten Sozialaktion Deutschlands mit ihrem kurzen, tatendrangvollen Aktionsgebet.

 

Erinnert erstaunlich an die typischen Fürbittgebetsschwerpunkte der Fronleichnamsstationen, oder? Ob Jesus auf irgendeiner dieser Demos heutzutage rumhüpfen würde oder ob die Auswahl der Beispiele nicht auch schon wieder instrumentalisiert, darüber kann mensch streiten.

 

Aber ich bin jedenfalls zu dem (vorläufigen) Schluss gekommen:

Vielleicht ist es ja wirklich gut, wenn wir Christus in den nächsten Tagen mal wieder mit an die frische Luft nehmen.

Ihn in unsere Mitte nehmen. Ihm nachfolgen. Zeigen, was er uns bedeutet.

Und uns dabei bewusst vergegenwärtigen: Was bedeutet es denn heute, Christlichkeit zu demonstrieren?